«Das grösste Potenzial für Winterthur sehe ich klar bei den jungen Unternehmen.»
Der Wirtschaftsstandort Winterthur befindet sich im Wandel. Während traditionelle Industriearbeitsplätze zunehmend unter Druck geraten, entstehen neue Chancen im Bereich Innovation und Unternehmertum. Wir haben mit Thomas Schoch, Unternehmer und Verwaltungsratspräsident des Technopark Winterthur, über die Entwicklung der letzten Jahre, das Potenzial von Start-ups und seine Vision für Winterthur im Jahr 2035 gesprochen.
Thomas Schoch, Unternehmer und Verwaltungsratspräsident des Technopark Winterthur.
Du kennst den Wirtschaftsstandort Winterthur seit vielen Jahren aus unterschiedlichen Perspektiven. Wenn du zurückblickst: Was hat sich in den letzten Jahren am stärksten verändert?
Thomas Schoch: Am offensichtlichsten ist sicher die Deindustrialisierung von Winterthur, die, wie die jüngsten Beispiele zeigen, bis heute anhält. Über Generationen war die Stadt von der Industrie geprägt. Heute wächst die Beschäftigung vor allem in den Bereichen Verwaltung, Bildung und im Gesundheitswesen.
In der öffentlichen Diskussion steht weniger im Mittelpunkt, wie sich Winterthur als Innovationsstandort entwickelt hat - obwohl hier viel passiert. Ein Glücksfall für die Stadt war die ZHAW, die sich ab 2007 hier etabliert hat. Sie bringt jedes Jahr gut ausgebildete Fachkräfte hervor, liefert Impulse aus der angewandten Forschung und ist oft Ausgangspunkt für Unternehmensgründungen. Gerade im Zusammenspiel mit Einrichtungen wie dem Technopark sowie Investorinnen und Investoren aus der Region ist ein Umfeld entstanden, in dem aus Ideen Firmen werden können. Dieses Potenzial wird meiner Meinung nach noch immer zu wenig wahrgenommen.
Verändert hat sich auch die Stadt selbst. Winterthur ist in den letzten Jahren stark gewachsen und dadurch auch anonymer geworden. Das zeigt sich besonders an der politischen Kultur. Früher wurde oft parteiübergreifend und pragmatisch nach Lösungen gesucht. Heute besteht eher die Tendenz, dass die gute Sache hinter parteipolitischen Interessen zurücktreten muss. Für einen Wirtschaftsstandort, der sich im Wettbewerb behaupten will, ist dieser pragmatische, lösungsorientierte Geist von grosser Bedeutung.
Winterthur erlebt gerade beides: Junge Unternehmen wachsen, gleichzeitig geraten traditionelle Industriearbeitsplätze unter Druck. Wie ordnest du diese Entwicklung ein und wo siehst du die grössten Chancen für den Standort?
Thomas Schoch: Das grösste Potenzial für Winterthur sehe ich klar bei den jungen Unternehmen. Die Standortförderung sollte sich noch stärker auf diesen Bereich konzentrieren. Die Bemühungen, grosse Unternehmen anzusiedeln, sehe ich dagegen eher kritisch, denn die aktuellen Standortfaktoren sind vor allem für Industrieunternehmen herausfordernd. Bei Start-ups und Jungunternehmen können die verfügbaren Mittel oft deutlich wirkungsvoller eingesetzt werden.
Viele Jungunternehmen, die in Winterthur gegründet wurden, sind heute erfolgreiche KMU und wichtige Arbeitgeber mit zahlreichen Arbeitsplätzen. Ich denke etwa an Designwerk, coatmaster, SCEWO oder wallee. Wenn wir den Innovationsstandort weiter stärken, sehe ich grosses Potenzial für florierende Unternehmen, die stark in der Region verankert sind.
Und vergessen wir nicht: Ob Sulzer, Rieter oder die «Winterthur»-Versicherungen, die heutige AXA – alle namhaften Winterthurer Unternehmen haben einmal als Start-up begonnen.
Wenn wir fünf oder zehn Jahre vorausblicken: Was müsste in Winterthur entstanden sein, damit du sagst, der Wirtschaftsstandort hat sich in die richtige Richtung entwickelt?
Thomas Schoch: Gerne würde ich im Geschäftsbericht 2035 von House of Winterthur Folgendes lesen: Die Wirtschaftsregion Winterthur blickt erneut auf ein äusserst erfolgreiches Jahr zurück. Die Zahl der Beschäftigten in Winterthur stieg um weitere fünf Prozent. Getragen wurde dieses Wachstum vor allem vom Technologiecluster in Neuhegi und auf dem Vitus Areal.
Der Stellenschafferpreis ging an das Robotik-Start-up X. Es wurde vor fünf Jahren im Technopark gegründet und ist im Berichtsjahr erfolgreich an die Schweizer Börse gegangen. Damit hat bereits das dritte Winterthurer Start-up innerhalb von fünf Jahren den Schritt an die Börse geschafft. House of Winterthur hat einen privat finanzierten Fördertopf für Jungunternehmen ins Leben gerufen. Daraus flossen auch in diesem Jahr CHF 500'000 an Winterthurer Start-ups, um die Innovationskraft des Standorts Winterthur weiter zu stärken. Der Drohnen-Hub auf dem Vitus Areal strahlt weiterhin weit über die Landesgrenzen hinaus. Die damit verbundenen Kongresse und Seminare sorgten im Berichtsjahr für eine sehr hohe Auslastung der Seminar- und Hotelinfrastruktur in Winterthur und der Region.