«Der Bus lädt tagsüber und kann seine normalen Halte- und Standzeiten zum Laden nutzen.»
Das ETH-Spin-off Winduction entwickelt ein induktives Ladesystem, mit dem Elektrobusse an Haltestellen kabellos über ihre Räder geladen werden können. Das induktive Ladesystem soll kleinere Batterien ermöglichen und die Elektrifizierung des öffentlichen Verkehrs effizienter machen. Co-Founder und COO Sonam Bhuka spricht im Interview über die Entstehung der Idee, die Entwicklung am Standort Winterthur und die nächsten Meilensteine.
Sonam Bhuka, Co-Founder und COO des Winterthurer Startups Winduction, das induktive Ladetechnologie für Elektrobusse entwickelt.
Sonam, wenn du Winduction jemandem erklären müsstest, der noch nie davon gehört hat: Was entwickelt ihr genau und welches Problem wollt ihr damit lösen?
Wir laden Elektrofahrzeuge induktiv. Das kennt man vom Handy oder von der elektrischen Zahnbürste, nur dass wir mit viel mehr Leistung und sehr effizient laden, ohne Kabel und Stecker. Einfach gesagt, fliesst der Strom vom Netz in unsere Bodeneinheit an der Haltestelle, wird von dort induktiv ins Rad übertragen und fliesst weiter in die Fahrzeugbatterie. Das Entscheidende daran: Der Bus lädt tagsüber und kann seine normalen Halte- und Standzeiten zum Laden nutzen.
Das Problem, das wir damit lösen, entsteht durch die Elektrifizierung selbst. Mit dem Verbrenner können viele Fahrzeuge innert Minuten an wenigen Zapfsäulen tanken. Elektrisch hat jedes Fahrzeug seine eigene Zapfsäule und lädt lange. Wenn eine ganze Flotte nun nachts im Depot lädt, braucht sie dort gleichzeitig enorm viel Leistung, was sehr teuer werden kann. Dazu kommt die Batterie: Statt eines kleinen Tanks mit hoher Energiedichte braucht es heute schwere, teure Batterien – bis zu 5 Tonnen pro Fahrzeug. Wer tagsüber nachladen kann, kommt mit einer deutlich kleineren, leichteren und günstigeren Batterie aus. Und weil wir das Laden von der Nacht in den Tag verschieben, überlappt es mit der Solarproduktion. Der Bus fährt dadurch mit Tagstrom, idealerweise sogar mit lokalem Solarstrom, statt auf dem Nachtnetz. Sozusagen von der Sonne direkt ins Fahrzeug.
Die Idee für Winduction entstand ursprünglich auf einer Go-Kart-Bahn. Wie wurde daraus eine Technologie, die heute an einem echten Bus getestet wird?
Angefangen hat alles 2019 an einem Geburtstag auf der Go-Kart-Bahn. Mein Mitgründer Laurin Schwitter stellte sich dabei die Frage, wie ein Go-Kart fahren könnte, ohne zum Laden anzuhalten. Seine Antwort war das Rad — der einzige Teil eines Fahrzeugs, der ständig den Boden berührt. Laurin liess die Idee nicht mehr los; er studierte die Räder von praktisch jedem Fahrzeug, das ihm in den Sinn kam. Aus einem zweiseitigen Konzept, das auf dem Tisch eines ETH-Professors landete, wurde ein Forschungsprojekt, das Laurin bis zum Ende seines Studiums weiterführte.
Jahrelang drehte sich alles um die Frage: Kann man über das Rad kabellos laden? Als die Physik endlich mitspielte, war für uns klar, dass daraus eine Firma werden muss. Heute ist aus diesen zwei Seiten ein umgebauter 14-Tonnen-Bus geworden, an dem wir die Technologie unter realen Bedingungen testen.
Ihr seid mit eurer Entwicklung nach Winterthur gezogen. Was hat euch am Standort überzeugt?
Wir haben über die kantonale Standortförderung gesucht, und unsere Anforderungen waren hoch und vielfältig: Wir brauchten eine Werkstatt, in der ein Bus aus dem Stadtverkehr Platz hat, ein Labor, Büroräume, und zusätzlich eine Aussenfläche, auf der wir eine eigene Haltestelle bauen dürfen. Ohne diese Testfläche können wir die Energieübertragung von der Strasse ins Fahrzeug nicht unter Betriebsbedingungen testen.
Das Vitus-Areal hat als einziger Standort all das vereint, mit viel Platz, um zu wachsen. Dazu kommt, dass der Ort einfach passt: ein ehemaliger Rieter-Produktionsstandort mit Industriegeschichte — das deckt sich gut mit dem, was wir hier bauen. Und die Standortförderung hat uns von Beginn weg bis heute stark unterstützt.
Was entsteht aktuell bei euch in Winterthur und welcher nächste Meilenstein steht an?
Diesen Juni haben wir unseren Bus-Demonstrator an der BUS 26, der schweizweit grössten Fachmesse für Busse im ÖV, erstmals öffentlich vorgestellt. Jetzt arbeiten wir an der nächsten Generation und bauen eine eigene Teststrecke auf dem Areal. Das ist unser nächster Meilenstein und gleichzeitig die Voraussetzung für den ersten kommerziellen Pilotbetrieb auf einer realen Buslinie.
Parallel dazu läuft derzeit unsere Seed-Finanzierungsrunde.
Wenn wir fünf Jahre vorspulen: Wo begegnet uns die Technologie von Winduction?
In fünf Jahren ist Winduction in der Schweiz fest etabliert und wächst in der EU und interkontinental. An Bushaltestellen laden wir die ersten Linien induktiv, unsichtbar, während die Fahrgäste ein- und aussteigen. Von da breitet sich die Technologie in weitere Märkte aus — Trucks in der Logistik, Häfen und Flughäfen, überall dort, wo Fahrzeuge feste Routen fahren und sich lange Ladestopps nicht leisten können.
Und die Endhaltestelle des 1ers, gleich vor unserer Haustür? Die lädt dann natürlich längst induktiv.