«Der demografische Wandel wird kommen – wir müssen Wege finden, damit umzugehen»

Der demografische Wandel trifft den Kanton Zürich mit voller Wucht: Bis 2050 könnten bis zu 300'000 Arbeitskräfte fehlen – mit spürbaren Folgen für das Wohlstandswachstum. Was das konkret bedeutet und welche Hebel jetzt entscheidend sind, hat der Kanton in einer aktuellen Studie untersucht. Corinne Knöpfel, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Amt für Wirtschaft des Kantons Zürich und Mitautorin der Studie, ordnet die Ergebnisse ein und spricht über unbequeme, aber notwendige Lösungen.

Corinne Knöpfel, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Amt für Wirtschaft des Kantons Zürich ist Mitautorin der Demografiestudie.

Die Schweizer Bevölkerung altert. Dadurch werden Arbeitskräfte zur Mangelware. Was sind mögliche Rezepte dagegen?
Corinne Knöpfel: Auf dem Arbeitsmarkt entsteht eine Lücke zwischen Ein- und Austritten, weil in den nächsten Jahren schlicht zu wenig junge Leute nachrücken. Dies kann sich negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirken. Mit drei Hebeln liesse sich die Lücke reduzieren oder sogar ganz schliessen: Erstens, indem wir mehr oder länger arbeiten. Zweitens durch eine erhöhte Arbeitsproduktivität – z.B. aufgrund technologischer Fortschritte. Drittens kann versucht werden, die Gesellschaft durch mehr Geburten oder Zuwanderung zu verjüngen. Bei allen drei Hebeln sind grosse Anstrengungen vonnöten, um die Lücke am Arbeitsmarkt und den damit verbundenen Wohlstandsverlust zu reduzieren. Am erfolgversprechendsten ist wohl eine Kombination von zwei konkreten Massnahmen. Eine Erhöhung des Rentenalters und verstärkte Investitionen in Technologien, namentlich KI.

Was können Unternehmen konkret tun, um diesen Herausforderungen zu begegnen?
Es gibt auch im Kanton Zürich noch Arbeitskräftepotenzial, das nicht ausgeschöpft wird. Unternehmen können ihre Karrierepfade so ausgestalten, dass sie Frauen – insbesondere Mütter – stärker in den Arbeitsmarkt einbinden. Es geht vor allem darum, dass Mütter aber auch Väter ihr Pensum reduzieren können, wenn die Kinder klein sind, aber danach wieder voll in den Job einsteigen können. Damit Arbeitnehmende länger im Erwerbsleben bleiben, würde eine Erhöhung des Rentenalters viel bewirken. Politisch ist dies natürlich sehr schwierig. Aber unabhängig davon können auch Unternehmen etwas tun, indem sie bereit sind, Arbeitnehmende über das Rentenalter hinaus zu beschäftigen oder ältere Arbeitnehmende einzustellen. Die Altersgruppe der 55- bis 70-Jährigen bietet ein grosses ungenutztes Arbeitskräftepotenzial. Zuletzt können Unternehmen offen sein für die Rekrutierung von Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern. Das verursacht einen gewissen Aufwand: Man muss in einen kompetenzbasierten Rekrutierungsprozess investieren und Mitarbeitende nach der Anstellung ausbilden und weiterentwickeln. Aber diese Strategie bietet viel Potenzial, besonders dort, wo nicht zwingend eine formale Qualifikation vorausgesetzt wird.

Können wir das Problem nicht einfach bei der Wurzel packen und die Bevölkerung wieder verjüngen?
Der Kanton Zürich profitiert aktuell noch von einer hohen und jungen Zuwanderung. Im Schnitt kommen netto etwa 15'000 Personen pro Jahr nach Zürich. Aber die Zuwandernden kommen grösstenteils aus Herkunftsländern, die ebenfalls überaltern. Das bedeutet, dass in Zukunft weniger junge Fachkräfte nach Zürich zuwandern dürften, weil sie auch in ihrem Heimatland sehr gefragt sind. Gemäss Prognosen sinkt die Nettozuwanderung bis 2040 um rund einen bis gar zwei Drittel. Zudem liegt die Geburtenrate im Kanton Zürich bei rund 1,2 Kinder pro Frau. Das bedeutet, ohne Zuwanderung würde sich die Bevölkerung innert zwei Generationen praktisch halbieren. Viele Länder greifen deshalb tief in die Tasche und versuchen mit finanziellen Anreizen diese Geburtenrate anzuheben. Die Erfahrung zeigt, dass das kaum funktioniert. Der demografische Wandel wird kommen – abwenden können wir ihn nicht. Aber wir können versuchen Wege zu finden, damit umzugehen.

Weitere Analysen zur wirtschaftlichen Entwicklung publiziert der Kanton Zürich regelmässig im Rahmen seines Wirtschaftsmonitorings.