«Kultur bereichert nicht nur das gesellschaftliche Leben – sie schafft wirtschaftlichen Mehrwert»
21 Mio. Franken an Kultursubventionen generieren in Winterthur rund 166 Mio. Franken Wertschöpfung – zu diesem Fazit kommt eine neue Studie des Forschungsinstituts Infras. In Auftrag gegeben wurde sie von der Kulturlobby Winterthur. Nicole Mayer, Präsidentin der Kulturlobby Winterthur und Vorstandsmitglied von House of Winterthur, ordnet im Interview ein, was die Zahlen für die Kulturpolitik bedeuten.
Die Studie zeigt erstmals die wirtschaftlichen Effekte der Kultur in Winterthur. Was hat dich persönlich am meisten überrascht?
Nicole Mayer: Es sind eindrückliche Zahlen, die die Studie zutage geführt hat. Allerdings ist es nicht so, dass mich diese komplett überrascht hätten. Dass die Kultur ökonomische Effekte schafft und dass das Geld, das in die Kultur fliesst mehrfach zurückkommt, ist ein Fakt und nichts Neues. Mit dieser Studie möchten wir dieser oft etwas stiefmütterlich betrachteten Tatsache, die ihr zustehende Aufmerksamkeit schenken.
Die Studie zeigt, wie vielfältig die wirtschaftlichen Effekte entstehen – von direkten bis hin zu indirekten und induzierten Effekten. Was ist dir dabei besonders wichtig hervorzuheben?
Genau diese Vielfalt der Effekte erscheint uns interessant und wichtig. Zeigt sie doch auf, dass Kultur in unterschiedliche Richtungen wirkt. So hinterlässt sie nicht nur bei den subventionierten Kulturinstitutionen direkte ökonomische Spuren, sondern weit darüber hinaus. Schweizweit sind rund 166 Mio. Franken Wertschöpfung und 1'240 Vollzeitstellen mit den Aktivitäten der subventionierten Kulturinstitutionen in Winterthur verbunden. Für Winterthur selbst werden rund 60 Mio. Franken direkte Wertschöpfung aus den Institutionen und aus dem Tourismus generiert.
Nicole Mayer vertritt als Präsidentin der Kulturlobby Winterthur die Interessen der Kulturszene.
Jeder Subventionsfranken löst etwa 6 Franken Wertschöpfung aus. Wie ordnest du diese Hebelwirkung ein?
Sie zeigt auf, dass Kulturförderung nicht nur Kosten verursacht, sondern auch wirtschaftliche Effekte auslöst. Dies wiederum macht die Kulturinstitutionen zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor. Sie schaffen Mehrwert in Form von Arbeitsplätzen, die über die Löhne zu weiteren Ausgaben führen. Darüber hinaus wird das Gewerbe belebt, indem Waren und Leistungen bezogen werden und die Besuchenden tätigen kulturexterne Ausgaben wie beispielsweise in der Gastronomie und Hotellerie, womit Kulturförderung auch im Tourismus wirkt. Die Studie zeigt, dass jeder Subventionsfranken ein Mehrfaches an wirtschaftlicher Aktivität auslöst. Kultur bereichert also nicht nur das gesellschaftliche Leben – sie schafft gleichzeitig wirtschaftlichen Mehrwert. Auch Kultur kann also «Return on Invest».
Welche Branchen oder konkreten Angebote in Winterthur profitieren im Alltag besonders sichtbar von einem lebendigen Kulturangebot?
Die Kulturinstitutionen nehmen unterschiedliche Branchen als Zulieferer in Anspruch, so dass die Art der Vorleistungen sehr fragmentiert ausfällt. Sie reichen von Material, Miete, Energie über Ausgaben für Werbung bis hin zu Versicherung oder Bühnentechnik. Am deutlichsten können die kulturexternen Ausgaben der Besuchenden festgemacht werden. Hier profitieren in erster Linie die Gastronomie und der Detailhandel, aber auch Transportleistungen und Unterkünfte werden in Anspruch genommen. Darüber hinaus ist das Kulturangebot für Winterthur ein entscheidender Imagefaktor. Nicht umsonst nennt sich die Stadt Kulturstadt. Diese Ausstrahlung wirkt sich direkt auf die Lebensqualität, den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Standortattraktivität aus. Davon profitiert die ganze Stadt.
Was nimmst du als wichtigste Botschaft aus der Studie mit – auch mit Blick auf die Zukunft der Region?
Dass der Kultur Sorge zu tragen ist und dass sie nie zum «nice to have» verkommen darf. Die Studie zeigt klar auf, dass sich Kultursubventionen auszahlen. Das heisst auch, dass sich Kürzungen in der Kulturförderung nicht bloss negativ auf die Kulturbranche auswirken, sondern darüber hinaus auch wirtschaftliche Konsequenzen haben. Zudem erscheint es mir gerade in den aktuellen etwas fragilen und unsicheren Zeiten umso wichtiger, die Kultur hochzuhalten. Denn neben dem wirtschaftlichen Effekt ist sie für uns als Gesellschaft eine zentrale Stütze, die uns sozial verbindet und identitätsstiftend wirkt. Trotz der Zahlen und Fakten, die uns nun vorliegen und die für unsere Arbeit wichtig sind, darf man diese Faktoren nicht unterschätzen oder gar vergessen.